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Heimliche Hochbegabung? – Förderung genialer Potentiale!

2. Juni 2010

Hochbegabung ist ein sehr interessantes Thema, welches  mehr in den Vordergrund rücken sollte (nicht in Form von Übersensibilität, sondern in Form von Aufmerksamkeit und des Wissens darum).

Herr Robert Grassinger, Begabungsforscher der Uni Ulm, meint: „Menschen sind nicht hochbegabt, sie können hochbegabt gemacht werden […]“

Ich stimme dem, hinsichtlich der Notwendigkeit der Förderung (Was heißt Förderung?), zu, denke jedoch, dass gewisse natürliche Anlagen vorhanden sein müssen und glaube auch, dass man nicht hochbegabt „gemacht werden“ kann. Fördere ich ein durchschnittlich begabtes Kind ist das Ergebnis wohl ein anderes, als wenn ich ein hochbegabtes Kind (sofern die Förderung die individuelle Hochbegabung betrifft) fördere. Beide Förderungen sind wichtig- die Grenze zur Überforderung ist allerdings mit zu beachten und nicht außer Acht zu lassen. An der Stelle wird ersichtlich, ob jemand hochbegabt auf einem Gebiet ist oder durchschnittlich.

Hochbegabte, die auf einem, ihnen unwesentlichen, Gebiet gefördert werden, werden keine „genialen“ Ergebnisse liefern. (dies gilt es empirisch zu prüfen)

Inwiefern die vorhandene Begabung „ausbricht“ ist ein Zweites. Die Umwelt und die Umstände sind große Faktoren, die bestimmen, wie hochbegabte Kinder aufwachsen, ob sie ihre Begabung umsetzen können und in ein förderndes Umfeld eingebettet sind oder ob sich die Begabung „verkehrt“ und zum Fluch wird.

Die Zweigleisigkeit dieser Thematik wird spätestens hier ersichtlich.

Wenn Kinder schulisch, soziale Auffälligkeiten zeigen, sollte die Möglichkeit einer Hochbegabung nicht ausgeschlossen werden. Die Auffälligkeiten haben mehrere Gründe. in Einer ist, dass die  innere Homöostase außer Balance zu sescheint (im Falle, die Begabung ist nicht erkannt worden): Sie sind auf einem Gebiet enorm begabt, im Gegenzug fehlt es in einem anderen an Kompetenz.Ein weiterer möglicher Grund ist der Ausdruck eines Hilferufes, nicht minder wegen der Mißachtung der Individualität.

Natürlich gibt es eine Reihe weiterer Ursachen für Auffälligkeiten, dennoch weisen einige charakteristische Merkmale, auf eben jene hin.

Das Wissen darum steht vor der konzentrierten Wahrnehmung (Oder nimmt man erst wahr und „sucht“ nach Erklärung?- ein debattierbarer Punkt!).

Erst darauf folgt die Entscheidung: Fördern oder nicht Fördern!

Für beide Wahlmöglichkeiten gibt es Rechtfertigungen, wie im Video beschrieben- aber  welche dient dem Wohle des Kindes?

So pauschal die Frage gestellt ist, so individuell wird sie beantwortet! Sie gelangt erst zur Beantwortung, wenn die Auseinandersetzung damit vorangegangen ist!

Meist kommt die Antwort nicht einmal von den Betroffenen selbst.

Kinder sind während der Erziehung angewiesen,  bis sie selbst die Reife entwickelt haben, eigenständig entscheiden zu können, wie sie sich bilden.  Wird nicht zeitig genug erkannt, müssen diese Menschen erst selbst- in einem langen Prozess- erkennen, warum sie sind, wie sie sind und sich selbst auf den Weg machen, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Sofern sie an diesem Punkt sind, warten weitere Hürden…

Genau dort setzt das Defizit an.

Die Entscheidungsfähigkeit und Reife ist (angenommen) vorhanden: und nun? Weitere Variable bestimmen den Fortgang.

Offizielle Bildung kostet.

Bildung ist gesellschaftlichen Werten unterstellt.

Bildung ist abhängig vom Umfeld.

Bildung muss erkämpft werden.

Bildung ist Mittel, keine Bereicherung.

Bildung ist ungleich Förderung.

Bildung ist und bleibt die Aufgabe der  Gegenwart und Zukunft.

Das sind spontane diskussionseinladende  Thesen von vielen, die mir in den Sinn kommen.

Nicht generell zu verbinden, dennoch nicht weit hergeholt, sind autistische Kinder/Menschen und „Aspis“ (Menschen mit dem Asperger- Syndrom).

Hochbegabung ist nicht gleich eine Form von Autismus, aber Autismus (oder eine Form davon) geht oft mit Hochbegabung einher.

Und wieder rufe ich auf individuell kritisch hinzusehen!

Das Individuum bedarf gesondert Aufmerksamkeit. Weg von unserer gesellschaftlich einseitigen Denke der Selbsterhaltung, hin zum Mitmensch!

Weniger schnell Stigmatisieren und Urteilen, als uneingeschränkt annehmen, sich auf sein Gegenüber einlassen  und hinterfragen.

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27 Kommentare
  1. Wunderkinder – wie z.B. Wolfgang Amadeus Mozart – werden von klein auf streng ausgebildet. Kindheit ade? Mozarts spätere Streitigkeiten mit dem Vater könnten da möglicherweise Auskunft geben. Hochbegabungen – insbesondere solche der Savants – gehen mit Behinderungen in anderen Bereichen einher.
    Ich denke nach langer Berufstätigkeit in der Schule inzwischen eher so wie Heinrich Jacoby, ein vergessener Pädagoge und Philosoph, der zu diesem Thema bereits vor knapp 100 Jahren gründlich geforscht hat.

    Heinrich Jacoby: Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“.
    Zweckmäßige Fragestellung und zweckmäßiges Verhalten. Schlüssel für die Entfaltung des Menschen. Hrsg. Sophie Ludwig. Hamburg (Christians-Verlag) o.J.

    • Nicht alle sogenannten Wunderkinder werden als solche erkannt. Die Zweigleisigkeit und die Schwierigkeit im Umgang mit einem „offiziellen“ Wunderkind sind enorm.
      Menschen mit der „Inselbegabung“, genau wie einige Fälle AD(H)S, Asperger, Autisten sind sehr oft auf einem Gebiet überdurchschnittlich. Mir stellen sich viele Fragen…
      Ich habe einige Kinder kennengelernt UND die Eltern- das Wechselspiel und die Erziehung bzw. die Einstellung der Bezugspersonen bestimmen den „weiteren Verlauf“ ihres Kindes maßgeblich.
      Das haarscharfe Abwägen von Forderung/Förderung und Überforderung ist ein Punkt, über den ich noch nachdenken muss.
      Eine Mutter eines Sohnes (Asper-Autismus) ist hin und hergerissen. Fördert sie ihn, hat sie Angst, dass er stigmatisiert wird, in ein ungewohntes Umfeld kommt (welches die Förderung wieder aufheben würde, wegen der starken Bindung an die Mutter). Sie möchte, dass es ihm gut geht!
      Ich danke sehr für den guten Tipp Jocobys.
      Ein sehr interessantes Thema, mit dem ich mich mehr beschäftigen möchte.

      Liebe Grüße

  2. Ein Gedanke noch:

    Hochbegabtenförderung, bzw. Begabungsförderung weist m.E. den gleichen Mangel auf, der sich durch alle unsere Bildungseinrichtungen zieht.

    Die Kinder werden so gut wie nicht ‚auf Augenhöhe‘ miteinbezogen. ‚lernen‘ so glaubt man immer noch, werde durch ‚lehren‘ ermöglicht. Noch immer werden Bildungswillige und –eifrige mit Bildungsinhalten ‚gefüttert‘, anstatt sie zu eigenständigem ‚lernen‘ anzuregen.

    Jacoby weist z.B. darauf, dass Aufforderungen wie „Konzentrier Dich!“, „Pass auf!“, denen Schüler dann entsprechen möchten, den Fokus von ‚wahrnehmen‘ verengen.

    • Oh ja, diese Gedanken kann ich voll und ganz bestätigen;

      Sie haben absolut Recht. Wie oft erlebe ich Eltern, die mit ihren Kindern umgehen und reden wie mit ihresgleichen. Kleine Menschen verstehen beispielsweise keine Ironie und sind angewiesen auf den symbolischen Wert.

      Augenhöhe heißt demnach, dass der „Erwachsene“ sich im wahrsten Sinne herunter beugt und dem Kind auf gleicher Höhe in die Augen schaut.
      Viel zu oft haben die Eltern leider selbst nicht gelernt, abzuwägen: zwischen ihren Bedürfnissen und denen ihres Gegenübers. Somit sind sie gar nicht in Lage sich auf die Augenhöhe mit ihrem Kind zu begeben…
      An dieser Stelle besteht eine Klufft, ein Defizit!

      Bildung darf nicht verwechselt werden mit Information und angeeignetem Wissen!!!
      Der wirkliche Bildungsprozess findet im Inneren statt und kann nicht beigebracht werden.

      Jede autoritäre Heteronomie engt das eigenständige Denken und Reifen ein (solange es noch nicht entwickelt ist und je nach Entwicklungsstufe z.B. auf die Spiegelung angewiesen ist), da stimme ich dir wieder absolut zu!

      Halt, Anerkennung und Wertschätzung- diese 3 Wörtchen können sehr zur Entfaltung beitragen.

      Dennoch:
      „Erzählen Sie doch mal, was genau wollen Sie verbessern?“

      Welche Chance haben wir zu verändern? Effektiv zu verändern? Allumfassend – denn nur das macht Sinn – in Form eines Paradigmenwechsels?
      Die festgefahrenen Werte und Muster sind zu tief. ABER: Ich denke, dass es anfängt, indem jeder Einzelne sich auseinadersetzt und dies weitergibt!
      Aber eine Gesellschaft (die Mehrheit) zur Auseinadersetzung zu bewegen?… da steckt so viel dahinter (die Wandlung des letzten Jahrhunderts!- allein der letzten Jahre)
      *fragend*

  3. Veränderung von Sichten ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Durchaus ähnlich, wenn jemand aus welchen Gründen auch immer seine Heimat verliert, Freunde, Familienangehörige. Doch ‚verändern‘ ist möglich. Vorher jedoch – glaube ich – ist es nötig, zu merken, dass Veränderung nötig ist. Dieses Merken ist ein Problem, solange alles einigermaßen läuft. Es gehört auch ein gewisses Maß an Empfindsamkeit dazu. Der Mehrheit der Menschen scheint im Zuge ihrer Enkulturation der Zugang zur ihrer eigenen Empfindsamkeit verbaut worden zu sein. Sie haben – scheint mir – gute Gründe, warum sie sich nicht verändern.

  4. Ich danke sehr für den wunderbaren Austausch, denn ein so komplexes Thema findet im „Alltag“ kaum bzw. keine Beachtung. – Soviel zum „Merken“ und zur Auseinandersetzung mit sich selbst.
    Leider musste ich erfahren, dass in den bisherigen Seminaren, die ich besuchte kaum Psychologen, teilnehmen- warum? Im Kontakt mit Seminarleitern ist es bekannt, dass leider „viele“ abspringen, weil sie merken, dass nicht nur die Methode „an sich“ gelehrt wird, sondern: „Es geht hier auch an mein Selbst? Nein Danke!“. Und wieder ist diese Haltung kein Einzelfall, sondern spricht – wie auch der Umgang mit Hochbegabung- ein Grundproblem an.
    Ja, es hat Gründe, warum man sich „seiner selbst verwehrt“ und ja, es ist erst eine Veränderung Not- wendig, wenn garvierende Not und Funktionsbeeinträchtigung die Existenz bedrohen.
    Veränderung ist möglich; – bei sich selbst beginnt sie!
    Ein innerer Prozess ist nötig, aber warum sollte man diesen gehen, wenn doch alles scheinbar funktioniert?
    Das Schlagwort Empfindsamkeit erweitere ich mit dem Schlagwort der wahren Empathie. Letztere ist erst möglich, wenn der Einzelne gelernt hat, sich selbst zu verstehen (empfindsam für sich selbst zu sein), aufhört in der Vergangenheit zu leben und unbewusst jene zu wiederholen (auf welcher Ebene auch immer)und beginnt die Gegenwart zu „sehen“ und in ihr zu leben. Wie schnell merkt man dann, dass sich Zukunftängste über das „Verlassen“ und Integrieren der Vergangenheit auflösen.
    Leider glaube ich, dass es spätestens „kurz nach 8“ sein muss, ehe man begreift, dass eine Veränderung angesagt ist. Ich schätze, dass die Zahl derer zunimmt, die „vor der 8“ leben und beginnen zu reflektieren. Dies heißt aber noch lange nicht VERÄNDERUNG.

  5. Ich möchte an dieser Stelle gern einen Link setzen.
    Eine Homepage, die mich von der ersten Sekunde an fesselte.
    Sowohl die dahinter liegende Theorie als auch die reale Praxis kommt wechselseitig zum Ausdruck !

    http://www.lerntherapie-pfreimd.de/index.php

    Diese Diskussion liegt mir sehr am Herzen und ich freue mich über weitere Erfahrungen und Meinungen zum Thema.

  6. Hier ein Link zu einem, der viel vom Lernen und Lernproblemen versteht. Möglicherweise interessiert sich das und Besucher Deiner Seite: http://legasthenieistkeineschande.wordpress.com/

  7. Noch ein Tipp: Heinrich Jacobi, der sich von der Musikpädagogik kommend mit dem Thema Begabung beschäftigt hat.
    „So kam ich schon sehr früh zu der Überzeugung, daß auch das, was man so leichthin als ‚unbegabt‘ zu bezeichnen gewohnt ist, gar nicht ‚Fehlen einer Gabe‘ sein müsse, und daß ‚etwas trotz vieler Mühe nicht zu können‘ nicht mit ‚dafür unbegabt zu sein‘ gleichgesetzt werden dürfe.“
    http://www.we-ev.de/sensory-awareness/heinrich_jacoby.php
    „Für Jacoby stand fest, dass
    * Begabung (Anlage) nicht entscheidend ist für das Erbringen einer qualifizierten Leistung
    * begabte Leistung erlernt bzw. erarbeitet werden kann. Jeder Mensch verfügt dazu über genügend Anlagen. Jacoby nennt sie biologische Ausrüstung.“
    http://www.jacobygindler.ch/jacoby_einfuehrung.html

    • Nabiha permalink

      Vielen Dank für die hochinteressanten Links, als Mutter eines teilhochbegabten,legasthenen Jungen, der auch massiv unter den Unzulänglichkeiten unseres Schulssystems gelitten hat, freue ich mich sehr über Diskussionen dieser vernachlässigten Thematik. Die Kinder leiden sehr unter den Folgen der Fehlwahrnehmung der Lehrer, aber auch als Mutter findet man keine Anleitung oder Unterstützung, sein eigenes Verhalten zu optimieren. Auch ich habe sehr viele Fehler gemacht, erst relativ spät ist mir z.B. klargeworden, welche Wirkung die Kombination aus überdurchschnittlicher Körpergröße und stark überdurchschnittlicher Sprachentwicklung auf mich hatte: nicht nur ich habe ihn so behandelt, als ob er mehrere Jahre älter wäre, als er jeweils war. Das Verhalten der Kinder beeinflußt ja auch auf einer unbewußten Ebene das der Eltern, und es ist schwierig, sich dem zu entziehen. Frei und leicht zugängliches Wissen über diese Fallen und Tücken im Umgang mit so besonderen Kindern wäre dringend erforderlich und ich freue mich über diese Gelegenheit, mich mal wieder mit dieser Thematik zu beschäftigen. Mittlerweile im Internat und fast 14 Jahre alt, ist mein Sohn endlich auf einem positiven Weg, aber…..

      Ich bin auch mal sehr gespannt darauf, ob das Thema auch im Studium auftauchen wird.

      viele Grüße, Nabiha

  8. Herzlichen Dank für die Links,

    nachdem ich mir einen groben Überblick verschaffen habe, werde ich sie mir baldigst zu Gemüte führen.

    Weil Sie die Musikpädagogik erwähnen. Dewey nahm ein Projekt einer Laborschule auf, mit 2 Etagen. Die erste spiegelte die primären Erfahrungen (Grundbefürfnisse Nahrung, Kleidung, Wohnung)und die zweite Etage die sekundären Erfahrungen, u.a. Musik.
    UND er meinte, dass die Grundvoraussetzung für das Leben das physische Bestehen darstellt.
    Die Anlagen sind vorhanden, das Umfeld und die optimale Erziehung (gibt es eine solche?-siehe Rousseau)bilden den Rahmen, ohne den kein Bild entsteht und mit dem ein determiniertes Bild aus Einflüssen, Erfahrungen und Prozessen entsteht. -gleich, wie das Bild am Ende aussieht, wie groß oder klein, wie klar oder unklar es ist- ein Bild ist unweigerlich „da“. Erst im Bildungsprozess lernt man, das Bild autonom weiterzuentwickeln, auszubauen und zu verfeinern. Zu einem Bildungsprozess allerdings muss es erst einmal kommen. Solange die Entwicklung stagniert, stockt oder „gestört“ ist, geht alle Kraft in den Entwicklungsprozess.
    Begabung und Unbegabung sind Worte, die für mich schwammig sind, denn sie sind nicht an etwas konkreten festzumachen, sind eine Wertung und ein Urteil.
    Bildung ebenso. Was ist Bildung? Inhaltliches Wissen? Oder das allumfassende Wissen, nämlich das Erkennen?

    Herzliche Grüße

  9. Lars-Michael Lehmann permalink

    Glückwunsch zu diesem sehr interessanten Weblog! Schön das es hier einen anregenden Austausch gibt. Ich werden diese Weblog verklinken.

    Lars-Michael Lehmann
    Diplomierter Legasthenietrainer, Fachjournalist, Legasthenieexperte

  10. „Begabung und Unbegabung sind Worte, die für mich schwammig sind, denn sie sind nicht an etwas konkreten festzumachen, sind eine Wertung und ein Urteil.“

    Ich stimme Dir zu. Auch ich halte diese für Werturteile, die nur im Kontext ganz bestimmter Normen Sinn machen. Jacoby sieht dies ähnlich. Er behauptet sogar: Begabung gibt es gar nicht.

    Deweys Schulkonzept, in denen Schüler eigenständig lernen ermöglicht werden sollte, reißen mich heute noch mit. Sie entsprechen meinen Wünschen und Vorstellungen von einer „richtigen“ Schule. „Education ist life und school is society“.
    Die Schule für Kinder und Jugendliche sollte auf diesen offenen Lernraum vorbereiten. Deshalb ist es wichtig, dass ‚learning by doing‘ geschieht und nicht – wie üblich – Lernen durch Zuhören und Auswendiglernen.

    BILDUNG könnte einfach bedeuten ’sich bilden‘ und zwar im Kontext aller jener Bezüge, die Dewey erwähnt. Dieses Wort ist in vielfacher Hinsicht durch kulturell geprägte Denktraditionen und durch die Pädagogik kontaminiert. Man sollte darauf verzichten. Immer mehr Menschen – so wie Du – merken, dass ihnen das gar nichts sagt.

    Könntest Du mir Deine Bemerkung „am Ende ist ein Bild unweigerlich da“ näher erläutern?

  11. Lars-Michael Lehmann permalink

    In meinem Fachbereich sehe ich, das nicht wenige Menschen mit Legasthenie auch Hochbegabte sind. Diese Fallen aber immer wieder durchs schulische Raster weil, diese einfach nicht so lernen wie es unserem durchorganisierten System des auswendig Lernens kennt. Ich hab es ja selber auch in meinem Leben in der Schule erlebt. Nur dann im Studium konnte ich, dann selber vieles ganz praktisch Lernen – und es viel mir sehr leicht. Hochbegabte werden in unserem Bildungssystem zu wenig gefördert, und es hapert am System.

    @amruthgen
    Ich gebe dir recht, das es ein Bildungssystem geben muss, das die Schüler überhaupt zum Lernen vorbereitet. Der Satz ist auch meine Aufassung von Bildung:„Education ist life und school is society“.

    Hätte ich mehr zu sagen, würde ich mich sowieso vom staatlichen Bildungssystem verabschieden, und viel mehr Schulen in freier Trägerschaft fördern um eben „beste Qualität“ den Schülern bieten zu können. In Deutschland müssen wir uns Hochbildungskultur entwickeln, wo jeder Studieren kann, das wird sowieso der technologische Wandel von uns fordern. Da haben dann wir legasthenen und auch Hochbegabten die besten Chancen.

    Jedenfalls muss man sich weiter Gedanken machen, wie man begabte Menschen gezielter fördert. Und wie man die scheinbar weniger Begabten zum Lernen animiert um doch Ihre Bestleistung zu schaffen.

  12. Vielen Dank, dass der Austausch ermöglicht wird 🙂
    Ich denke mir, dass auffällige „Schwächen“ mit enormen Stärken korrelieren. Die Frage ist die der Betrachtung! Fokussiert jemand (egal ob Betreffender, Fachmann, Begleiter etc.) die Schwächen, verdrängt diese Art des Sehens die vorhandenen aber verdrängten Stärken.
    Das von dir, Lars, angesprochene „durchorganisierte System“ spiegelt dies wider. Und ehe ein Mensch „soweit ist“ selbstbestimmt Bildung zu genießen, geht dem ein langer Prozess voraus (wie du in deinem Falle auch angerissen hast). Und ich denke, dass dieser Prozess die Art bestimmt, WIE ein Studium wahrgenommen und genutzt wird. In deinem falle, hast du aus einer anfänglich erfahrenen Not eine Tugend gemacht, was ich mehr als schätze.
    Das Paradoxe: kann es sein, dass entweder Hochbegabte überfordert oder – weil nicht entdeckt- unterfordert werden? Wo beginnt Hochbegabung? Und wird eine solche erst durch Defizite in anderen Bereichen in Erwägung gezogen?
    Die Gesellschaft ist in einer Art Glockenkurve aufgebaut. Die breite Masse wird abgedeckt und Randgruppen links und rechts dieser Kurve zählt untergehen.
    Ich denke auch, dass die Gedanken nicht aufhören sollten, doch gerade die Thematik der Schulen in freier Trägerschaft ist komplex. Es müsste der Versuch gestartet werden eine neue Form des Erziehens und Bildens zu schaffen, welche an die heutigen Anforderung angepasst ist, dennoch nicht das Menschsein vernachlässigt.
    Das Konzept der freien Schulen ist nicht für jedermann zugänglich, sondern vornehmlich für bestimmte Schichten. Ein Los wäre es, Konzepte in die staatlichen Schulen konsequent zu übernehmen und die dortigen Lehrer speziell zu bilden. Der Gedanke die freien Schulen zur Normalität werden zu lassen, ist schwer umzusetzen. Und selbst innerhalb der freien Schulen gibt es schwarze Schafe. Die Kunst ist, eine Schule zu schaffen, die jedermann zugänglich ist, in der das Miteinander und die Akzeptanz groß geschrieben werden und qualifizierte Fachkräfte die Individualität fördern.
    Ja genau, in bestimmten gesellschaftlichen Werten und zur Einteilung in „Raster“ macht die Begrifflichkeit der Begabung Sinn- und auch nur dann sollte man sie verwenden.
    Ja, von Dewey bin ich- obwohl noch am Anfang meines Studiums- sehr angetan. Leider wurde seine Laborschule zeitig geschlossen. Heute gibt es ebenfalls Laborschulen, doch dahingehend möchte ich mich erst informieren. Deweys Schulform, seine Idee dahinter sollte aber nicht nur im „Labor“ für die Wissenschaft existieren, sondern praktisch angewandt und umgesetzt werden. Ich habe noch keine Dewey-Schule gesehen :-). Theorie-Praxis-Problem.
    „Könntest Du mir Deine Bemerkung „am Ende ist ein Bild unweigerlich da“ näher erläutern?“
    Es geht darum, dass kein Mensch ohne Einflüsse aufwächst. Und diese Einflüsse, in welcher Zeit, zu welchem Moment, unter welchen Umständen und mit welchen Motiven ein Mensch geboren wird, bestimmen zu einem großen Teil. Der Mensch wächst in die Welt hinein. Diese „Welt“ bildet den besagten Rahmen.

    • Lars-Michael Lehmann permalink

      Bitteschön. Ja, unser Bildungssystem ob heute im gesamten Deutschland oder im alten DDR-System waren und sind Systeme die auf Defiziten aufgebaut sind. Da hat sich nicht viel geändert. Bloß das der Durck in den neuen Bundesländern nachgelassen hat. Eine frühe Aussortierung findet wie damals statt, somit sind auch die Pisa-Studien-Ergenisse besser. (Quelle: Brand eins, Neuland „Sachsen“)
      Ich beschäftige mich mehr und mehr mit Hochbegabung und Legasthenie, und mir fällt auf das wir mit einem durchorganisierten System nicht klar kommen. Da nimmt uns jegliche Lust zum lernen, denn wir sind so ausgerichet um selber zu lernen. Wir brauchen nur das passende Bildungsumfeld. Bei uns sind aber die Fähigkeiten höhergewichtet, als die Schwächen drum gibt es immer Konfrontationen mit dem bestehenden Bildungssystem. Auch die ein gezielte Diagnostik in punkto Legasthenie und Hochbegabung ist heute recht schwierig, weil wir auch den „begabungsmuster“ fallen. Denn in den Köpfen so mancher Fachleute sind wir immer noch die bekloppten Idioten, wie es uns Pau Ranschurg in den 20er-Jahren attestierte. Der bezeichte uns als partielle Ideoten. (Grenze zu geistigen Behinderung). Drum sind viele von in den Vernichtungslagern im Naziregiem umgekommen.
      Nach dem Krieg gab es unterschiedliche Bemühungen, in den 50er und 60er-Jahren war man recht integrativ, dann kam aber die Anti-Legastheniebewegung ende der 60er Jahre, die uns etwas psychisches anhängen wollte. Und eben nicht wie Dr. Maria Lindner es erkannte, und richtig pädagogisch zu fördern. Sie erkannte schon in den 50er-Jahre die unabhängige Entwicklung unserer Integiligenz und die mögliche Entwicklung von Hochbegabungen. Lindner wurde aber nicht aktzepiert, und bis heute ist in diesem Bereich eine wissenschaftliche Kluft zu sehen. Da muss ich mir nur den Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. ansehen wie dieser mit diesem Thema umgeht.
      Dewey-Schule habe ich auch keine gesehen. Ja, ob man die schulen in freien Trägerschaften organisiert oder gute staatliche fördert wird die Zeit zeigen. Ich wäre schon auch dafür dass alle die selben Chancen bekommen. Aber die Praxis sieht nicht so aus! Des Weiteren wäre es auch wichtig, das es eine gute Elite-Förderung gibt. Diese gibt es hier in Deutschland eigentlich kaum. Zumindest wird hier etwas anderes darunter verstanden. Wenn wir überleben wollen braucht unser Land eine „Hochbildungskultur.“
      Es ist richtig das wir von unserem Umfeld geprägt werden, um überhaupt gebildet zu werden. Ich glaube wir müssen uns neu Gedanken machen was Bildung überhaupt bedeutet. Es ist jedenfalls kein auswendig gelerntes Faktenwissen. Denn die Fakten in denen wir uns bewegen, können nicht selten Morgen andere sein. Darum müssen wir lernen zu Denken, um unsere „Welt“ zu verstehen. Dies eben ganz praktisch durch das reale handelt. Genauso lerne ich mit meinen Klienten! Und es funktioniert prima.

  13. Es ist ein sehr, sehr komplexes Thema, was wir zu dritt hier bearbeiten. Du, metaprozess hast wieder so viele Ideen geäußert, auf die ich gern eingehen möchte. Es könnte aber sein, dass dies für Dich den Rahmen unseres Austausches sprengt.

    Das mir am nächsten Liegende ist Dein Wunsch nach einem Konzept, das anderes ermöglicht als dies bisher in den Schulen geschieht. Du hast es charakterisiert mit Wörtern wie „Menschsein nicht vernachlässigen“ und „Miteinander und Akzeptanz“ einschließlich Qualität. Ich setze seit 4 Jahren ein Lernkonzept in meiner Schule um, dass diese Bedingungen erfüllen kann. Ich könnte also davon erzählen, wenn Du das möchtest. Es stellt bisher umgesetzte Lerntheorien und Konzepte völlig auf den Kopf. Es enthält viele Anknüpfungspunkte zu Deweys Überlegungen.

    Eine Dewey-Schule kenne ich nicht. Aber ich habe schon von Schulen gelesen bzw. in ihren Internetauftritten gestöbert, wo ich Neues gefunden habe. Wenn Du weitere andere Schulen findest oder Du, Lars solche kennst, könnten wir uns darüber austauschen.

    Das dritte große Thema „Theorie-Praxis-Problem“ ist es auch wert, näher in Augenschein genommen zu werden. Ich halte die Dominanz von Theorien für eines der zentralen Hindernisse für grundlegende schulische Reformen. Ich könnte dazu aus meiner jahrzehntelangen Praxis und meinen philosophischen Kenntnissen einiges dazu beitragen.

    Schließlich ‚Begabung‘ – auch das ist ein wichtiges Thema, das sowohl zur Situation des Lehrens in Schulen gehört als auch zu dem Theorie-Praxis-Problem und auch zu anderen Lernkonzepten.

    Wie willst Du vorgehen, metaprozess? Welchen Rahmen wünschst Du Dir? Wie viel Energie möchtest Du investieren?

    Und wie ist es mit dir Lars? Welche Art von Thema, welcher Austausch schwebt Dir vor, was kannst Du möglich machen, was möchtest Du?

    Für mich wäre ein derartiger Austausch nicht nur eine höchst willkommene Angelegenheit eigene Erfahrungen und Ideen zu kommunizieren und andere Meinungen zu bekommen. Jeder ernsthafte Austausch, der über „Deine Gedanken finde ich gut bzw. nicht gut.“ hinausgeht, halte ich für einen persönlichen Gewinn.

    Herzlichst
    Monika

  14. Lars-Michael Lehmann permalink

    @Monika
    Unser Austausch geht in die richtige Richtung. Deine Ausführung zur Bildung finde ich sehr gut. Man sollte vielleicht sich darüber austauschen wie man „ganzheitlich“ mit Schülern lernt. Es ist klar, das es in der Theorie immer etwas hapert. Besser ist es wenn man Dinge in der Praxis entwickelt und daraus auch Modelle erstellt die sich weiterentwickeln.

  15. Lars-Michael Lehmann permalink

    Hier noch ein sehr interessantes Thema zur Diskussion: http://www.wdr.de/tv/monitor//sendungen/2010/0708/depressiv.php5

  16. Hallo Monika, hallo Lars.
    Das WDR-Thema war interessant. Die depressiven Erkrankungen nehmen zu (oder nimmt die Sensibilität dafür zu?) und im Bericht wird der Fokus auf die Schule und die gesellschaftlichen Normen und Anforderungen gerichtet. Schade finde ich den Satz: „Wenige Lehrer können Depressionen erkennen […]“ und schön finde ich den Satz „Man muss den Blickwinkel ändern.“ Eine Spirale, deren wahre Ursachen und deren Auslöser verschluckt. Das bedeutet aber nicht, dass sich Lehrer ihrer Verantwortung bewusst sein sollten. Es sollten zuerst die Lehrer weitergebildet und speziell geschult werden, um eben in Fällen von Depression, LRS, Süchten und vielen weiteren Themen kleine Fachmänner zu werden. Ich beobachte neben der scheinbaren Leistungserfüllung, den Anforderungen von außen und an sich selbst und dem „Funktionieren“ eine Art Sehnsucht nach Individualität, Aufmerksamkeit und Mitteilungsbedürfnis. Empathie als Lösung? Hat man sie oder hat man sie nicht?
    Ja, liebe Monika, viele Themen reißen wir an. Für mich sprengt in diesem Falle nichts den Rahmen  ganz im Gegenteil. Frei diskutieren, neue Aspekte ins denken einfließen lassen und Gedanken austauschen…
    Lars, du sprichst das Bildungsumfeld an, was ich persönlich als am wesentlichsten empfinde und ich glaube, dass unsere Diskussion sich genau dort ansiedelt.
    Urteilen und verurteilen ist nicht schwer, doch die Erweiterung des eingeschränkten Blickfeldes macht Mühe und ist verbunden mit der Auseinandersetzung des eigenen Selbst. Und leider scheuen sich viele davor. Ich glaube auch, dass viele Menschen in ihren ganz eigenen Mustern stecken und erst wenn sie beginnen zu reflektieren, wenn sie sich kritisch beobachten und sich selbst lernen wahrzunehmen, können sie sich wahrhaftig für andere Menschen öffnen und sie in ihrer Individualität fühlen bzw. erleben.
    Lars, du hast interessante Aspekte der Geschichte angebracht. (mein kleiner Faible ist das Erleben der Inhaltsebene aber das Betrachten des Ganzen, also der Metaebene). So bemerke ich, dass die Geschichte, sowohl die menschliche, politische, gesellschaftliche, pädagogische, philosophische, wirtschaftliche als auch die persönliche an Beachtung verliert. Wichtiges Material geht abhanden. Wie viel mehr erkennen und verstehen wir DURCH die Entwicklung, durch die Vergangenheit und Geschichte. Generationenproblematik! Wo stehen wir im Jetzt und wie kam es dazu? Wiederholen sich bestimmte gesellschaftliche Strukturen und was können wir durch die Analyse prognostizieren? Aber ganz wesentlich: Warum ist es heute so, wie es ist? Wann gab es eine ähnliche Schwellensituation und wie wurde sie damals gelöst- was können wir aus den vergangenen Missetaten lernen und wie können wir gegenwärtig etwas tun, damit ähnliche Fehler nicht wieder passieren?- ja, es ist sehr komplex.
    Ja, eine zeitgemäße neue Definition von Bildung…
    Ja, Monika, ein Konzept, welches durch die Metabetrachtung vom kleinsten bis ins Ganze praktisch umsetzbar ist. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube daran und ich versuche mich in meinem nächsten spannenden Praktikum bzw. „Assistentendaseins“ an einem Bildungskonzept. Sehr gern erfahre ich von deinen Konzeptideen bis zur Umsetzung und auch denen von Lars. (Ich könnte einen neuen Artikel schreiben bspw. über Konzepte, Erfahrungen etc, wir können aber auch gern hier weiter schreiben oder eine Art Mailkonferenz starten). Ich bin neugierig und finde unseren Austausch super.
    Ok, es gibt mehrere Themen: Begriffsfindung, Geschichte – Gegenwart, Schulsysteme und verschiedene Blickwinkel (Vergleich), Konzeptideen als anfängliches Gedankenkonstrukt aber auch als direkte Praxiserfahrung. Inhaltliche Schwerpunkte wie Legasthenie, Begabungsformen etc. und deren Förderung, das patentwürdige Thema einer Dewey-Schule ;-), das interessante Theorie-Praxis-Problem…
    Ich suche nach einer Idee, würde allerdings ungern alles in Kategorien teilen, denn das Schreiben birgt interessantes und es sollte aus dem Inneren kommen, dann – später- ist es wohl zu unterteilen. Wir könnten jeden Post unterteilen und strukturieren…aber ich schlage vor, dass ich mich darin versuche eine Zusammenfassung zu schreiben und die Themenentwicklung anreiße und so das Fundament für den weiteren Austausch lege.
    Für andere Gedanken bin ich offen. Hauptsache ist der Austausch 🙂
    Liebe Grüße
    Betty

    • Liebe Betty, lieber Lars,

      Auch ich möchte unseren Austausch nicht im Vorweg strukturieren, mir war nur wichtig von Euch zu hören, ob Euch das Ausmaß unseres Austausches angenehm ist. Betty, wenn Du das, was wir so bekakeln ab und zu mal zusammenfassen möchtest, wäre das sicher hilfreich. Ich bin aber auch gern bereit mich mit Dir abzuwechseln. Oder es zumindest mal zu tun, wenn es bei Dir gerade nicht passt.

      Lars, Du hast geschrieben: “ mir fällt auf das wir mit einem durchorganisierten System nicht klar kommen. Da nimmt uns jegliche Lust zum lernen, denn wir sind so ausgerichet um selber zu lernen. Wir brauchen nur das passende Bildungsumfeld.“
      Mich hat das zu folgendem Satz angeregt: „Kein Mensch braucht zum Lernen eine Methode, die andere ihm vorgeben, sondern nur einen Rahmen der ihn anregt und innerhalb dessen er eigenes Lernen selber tun kann.“ Dies entspricht dem Grundgedanken des Lernkonzeptes nach dem ich arbeite. Ich werde in den nächsten Tagen mal etwas dazu für Euch zusammenstellen.
      Das Video von Monitor hat mich sehr betroffen gemacht. Ich bin ja schon lange im Schuldienst und ich weiß, dass Lehrer – ich nehme mich da nicht aus – im Zuge ihres Bildungsauftrages oft nicht sehr behutsam vorgehen. Ich habe das erst im Zuge der Umstellung meines Unterrichtens auf ‚lernen‘ wieder gelernt. Das, was die Mutter in diesem Film sagt, nämlich dass die Schule nur am Vermitteln von Wissen und nicht an der Persönlichkeitsentwicklung interessiert sei, trifft durch aus zu. Dass Lehrer nur noch Unterrichtsbeamte sein können, ist m.E. ein Ergebnis der beruflichen Sozialisation von Lehrern, deren verheerendes Ausmaß ich selber erlebt habe.
      Auch dem folgenden Gedanken von Dir Lars, stimme ich gern zu: „Besser ist es wenn man Dinge in der Praxis entwickelt und daraus auch Modelle erstellt die sich weiterentwickeln.“ Ich finde Hinsehen darauf wie Menschen lernen, welche Probleme sie dabei haben und daraus Schlussfolgerung ziehen und Annahmen für weiteres Vorgehen bilden ist jeder ausgeklügelten Theorie überlegen.
      Betty: „Ja, Monika, ein Konzept, welches durch die Metabetrachtung vom kleinsten bis ins Ganze praktisch umsetzbar ist. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube daran und ich versuche mich in meinem nächsten spannenden Praktikum bzw. „Assistentendaseins“ an einem Bildungskonzept.“ Betty, auch halte derartiges für möglich und ich könnte mir denken, dass ich Dir mit meinem Lernkonzept dazu Anregungen geben kann.

      Betty: „Man muss den Blickwinkel ändern. … Mustern … reflektieren …“
      Ja, man muss alte Muster reflektieren, wenn man einen anderen Blick auf ‚lernen‘ bekommen möchte.

      Ich habe den Eindruck, dass wir drei darin übereinstimmen, dass ‚lernen‘ sich vom Auswendiglernen von Faktenwissen unterscheidet.

      Ich habe heute für eine Veröffentlichung meiner Erfahrungen mit diesem Lernkonzept – es heißt übrigens GEMEINSAM OFFEN LERNEN – die Lernentwicklung eines Mädchens beschrieben. Ich hänge den Text hier an. Möglicherweise kann er Euch einen ersten Eindruck von meiner Arbeitsweise in diesem Konzept geben.

      Theophania

      Theophania wuchs zweisprachig auf. Sie sprach deutsch wie ihre Muttersprache als sie in die erste Klasse kam. Sie verhielt sich lebhaft, war bewegungs- und kontaktfreudig und interessiert bei der Sache. Sie erkannte Zusammenhänge schnell und war wortgewandt. Sie handelte eigenwillig und eigenständig auch in ihrer privaten Umwelt. Sie teilte sich gern mit, berichtete über außerschulische Erlebnisse und Unternehmungen mit ihrer Familie genauso wie über das, was sie allein unterwegs Neues gesehen und erlebt hatte. Für mich sah es so aus, als würde sie den Leistungsanforderungen der Grundschule leicht nachkommen können, zumal sie sich auch von Problemen nicht entmutigen ließ und bereit war, daran zu arbeiten.

      Erste deutliche Veränderungen ihres positiven Lernverhaltens zeigten sich gegen Ende des ersten Schuljahres, als sie schon über längere Zeit in Geschwindigkeit und Formschönheit der Schreibschrift nicht genauso schnell und sicher vorangekommen war wie andere. Das, was mir an Ideen dazu einfiel, zeigte keine Wirkung. Ermahnte ich sie, konzentrierter zu arbeiten, oder wies sie zurecht, wenn sie immer wieder redete, reagierte sie trotzig. Ihr Schreibtempo wurde noch langsamer und sie arbeitete zunehmend wenig ausdauernd und konzentriert. Sie vergaß Schreibhausaufgaben. Schließlich zeigte sich ähnliches in Mathematik. Sie arbeitete fehlerhafter als früher und wollte sich nicht mehr an Kopfrechenrunden beteiligen. Die Eltern teilten mir mit, dass sie sich Sorgen über die weitere Entwicklung ihrer Tochter machten. „Wir möchten, dass sie eines Tages aufs Gymnasium gehen kann!“ Sie hätten deshalb Theophania schon seit längerem dazu angehalten, zusätzliche Hausaufgaben zu machen. Ich unterstützte die Eltern darin und ich stellte dafür weiteres Material zur Verfügung. Theophania erzählte in Gesprächsrunden: „Meine Eltern schimpfen mit mir. Sie meinen, ich bin schlecht in Schreiben und Rechnen.“ Wenn Mitschüler sie auf Fehler ansprachen, wehrte sie ab oder reagierte verbal aggressiv. Sie äußerte öfter, dass Schule „doof“ sei. Bei Schreib- und Rechenaufgaben handelte sie kaum noch von sich aus.

      Als ich begann, meinen Unterricht im Sinne des Lernkonzeptes umzustellen, veränderte sich das „Hausaufgaben-Geben“ in „Hausaufgaben-Finden“, das „Unterrichtet-Werden“ in Herausfinden von Lösungen im Rahmen von „Lesen-Schreiben-Rechnen“. Diese neue Möglichkeit zu entscheiden, welche Schul- und Hausaufgaben sie in diesen Pflichtbereichen jeweils erledigen wollte, griff Theophania engagiert auf. Sie entschied sich jeweils morgens schnell, womit sie beginnen wollte. Sie brachte Material zum Lernen mit und initiierte als erste in der Klasse ein Projekt. „Das ist ganz toll, dass wir schon in der zweiten Klasse Projekte machen dürfen.“, meinte sie in der Runde. Sie hat bis zum Ende der vierten Klasse viele weitere Projekte initiiert und die anderer aktiv mitgemacht. Im Zuge ihres ersten Projektes zeigte sie sich wieder so lebhaft und aktiv wie im ersten Schuljahr. Sie begann außerdem wieder von sich aus zu schreiben, um Arbeitsergebnisse festzuhalten und zu präsentieren. Das „von-sich-aus“ hielt ich für den wichtigsten Fortschritt. Diese konnte als Ausgangsbasis weiterer Verbesserungen für Schreibgeschwindigkeit, für Rechtschreiben und für Texte schreiben taugen.

      Bei Pflichtaufgaben des Schreibens und Rechnens veränderte sich ihr Verhalten nicht. Sie arbeitete hier kontrastierend zu anderen Bereichen schleppend und unkonzentriert. Zu Beginn des dritten Schuljahres begann sie außerdem Arbeitsmaterial für Hausaufgaben unter ihrem Tisch zu vergessen. Tests und Klassenarbeiten, die jetzt benotet wurden, wollte sie nicht mitnehmen, sobald sie mit schlechter als „gut“ zensiert worden waren.

      Eine wichtige lernförderliche Struktur des Lernkonzeptes heißt „stressfrei lernen“ (s….) Es gelang, die Eltern dafür zu gewinnen, Theophania zu Hause die Aufgaben machen zu lassen, für die sie sich selber entschieden hatte. Ihre Entscheidung dafür könnte ihnen auch das Verhalten von Theophania nahe gelegt haben. Sie berichteten, dass sie ihre Tochter immer stärker unter Druck setzen müssen, damit sie zusätzliche Übungen in Schreiben und Rechnen erledigt, was ihnen nicht gefalle. Ich erläuterte ihnen dazu, dass Druck den Widerstand von Theophania vermutlich verstärken dürfte, gegen den wir letztlich machtlos sind. Erfolgversprechender könnte es sein, dass wir gemeinsam herausfinden, wie wir es Theophania ermöglichen, von sich aus an ihren Problemen zu arbeiten.

      Wir haben Theophania den Raum für eine eigene Entscheidung dadurch eröffnet, dass wir
      • sie entlasteten, indem wir den Druck wegnahmen.
      • ihr anboten, mit ihr gemeinsam herauszufinden, wie sie schneller und sicherer schreiben und rechnen lernen könne.

      Dieses Konzept haben wir im Kontakt miteinander umgesetzt. In der Schule wurde dieser Rahmen durch ‚thematisieren‘ (s….) von Schreiben und Rechnen ergänzt. Ich habe außerdem angeregt mit verschiedenen Schreibwerkzeugen (Gelschreibern, Wachsstiften, Kugelschreibern, Tuschpinseln, etc.) an der Tafel, auf dem Schulhof, auf unterschiedlichen Papierformaten und –sorten, die Schulausgangsschrift und andere Schriften (arabische, chinesische, griechische, etc.) zu gestalten. Mit Theophania habe ich in kleinen Gruppen oder nur mit ihr aktuell auftretenden Rechenproblemen nachgeforscht, um herauszufinden welche Irrtümer diesen zugrunde lagen, bzw. welche Kenntnisse ihr fehlten. Auch die Eltern wurden hier mit ihr gemeinsam fündig. Sie ließ sich auch dazu bewegen, mit anderen zusammen kleine Mathematik-Projekte durchzuführen.

      Im Laufe des dritten Schuljahres hat Theophania zunehmend zügiger und entschieden Rechen- und Schreibaufgaben bearbeitet, auch wenn diese nicht zu ihren Lieblingslernaufgaben wurden. Eines Tage entschloss sie sich, das Druckschreiben aufzugeben, für das sie sich anstatt der Schreibschrift im zweiten Schuljahr entschieden hatte und das die Hamburger Bildungspläne alternativ vorsehen, wenn Kinder mit der Schreibschrift große Probleme haben. „Ich will jetzt Schreibschrift lernen.“, erzählte sie in der Klassenrunde. Dies schaffte sie innerhalb weniger Wochen.

      Herzlichst Monika

    • Lars-Michael Lehmann permalink

      Unser Gedanken gehen schon in die richtige Richtung. Die Geschichte wie schon bemerkt wiederholt sich immer wieder. Ich dachte immer das NS-Regime und DDR-Regime Menschen aussortierte. Nun habe ich aber eine beider deutsche Perspektive. In der Bundesrepublik war (ist) man eben etwas Humaner, als die Regime.Besser aber auch nicht. Denn es ist auch schlimm Menschen in den Sozialsystemen zu belassen, um sie dort als Kartei abzulegen oder gar zu Mobben. Mit praktischer Integration ist da nicht viel. Nur wenige Legastheniker in Ost und West haben es geschafft Ihren ganz persönlichen Weg zu finden. Weil unser System die Menschen gebrochen hat, nicht weil sie seelische Schwierigkeiten haben, sondern weil unsere Gesellschaft bisher nicht in der Lage war uns als ganz normale Menschen anzuerkennen.

      Wir befinden uns in ein allgemeinen gesellschaftlichen Betrachtung. Da müsste man sich auch über die Arbeitswelt Gedanken machen. Wo und wann beginnt Bildung und wie? Liegt sie in der Hand des Staates oder in unserer eigenen Verantwortung als freie Bürger? Und darf sich denn mit Druck und Zwang unser Staat in unsere berufliche Entwicklung einmischen? Nach meiner Meinung brauchen wir in diesen Thema mehr bürgerliche Freiheit, und weniger Staat.

      Dies würde vielen Bildungsverfechtern nicht schmecken, da sie lernen müssten was ein Leben in Freiheit wäre. Bis heute werden auch in unserem Land unseren bürgerlichen Rechte beschnitten, dass beginnt bei den Grundschülern in der Schule und endet in der individuellen und ganzheitlichen beruflichen Integration in die Arbeitswelt.

      Es gibt zum Beispiel einen Hochbegabten Professor, dieser muss dann laut ARGE dann vielleicht die Straße kehren. Und wenn dieser sich weigert, bekommt er seine Sozialleistungen gestrichen. Also was ist das für ein Sinn und Zweck? Es ist Verschwendung unserer Potenziale! Aber weil es unsere Politik so will macht man auch Böcke zu Gärtnern. Dies zum Nachteil unserer Wirtschaftskraft. Denn ein solches Potenzial braucht vielleicht einen guten Platz in der Forschung und Entwicklung um vielleicht Dinge zu erfinden, die uns weiterbringen könnten. Oder die längerfristig Arbeitsplätze schaffen könnten. Wie wir hier sehen, sind unsere Politiker viel zu kurzsichtig..

      Ich will hier nur damit anreißen das es nichts in unserem Land zählt eben gute Fähigkeiten und Potenziale zu entwickeln. Es zählen eben oberflächliche Dinge die unser krankes System am leben halten sollen, statt diese zu überdenken.

      Ich bin mir sehr sicher, dass andere Zeiten kommen werden – wo sich unsere Art des Handelns sich sehr negativ auf unser System auswirken könnte. Denn in rund 10-15 Jahren werden wir nicht mehr die Fachkräfte haben. Auch viele Berufe im Dienstleistungsbereich werden von Technologien übernommen, dann werden laut (Günter Dueck) einige Millionen keinen Job mehr haben – weil diese nicht mehr gebraucht werden.

      Was dann? Dann kann uns nur noch einen Hochbildungskultur retten, wo jeder Studieren kann und wo Bildung uns nicht zum Straßenkehrer macht sondern zum Spezialisten eines Berufs der uns erfüllt und uns auch vernünftig Leben lässt und der einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft. Eben Nachhaltigkeit.

      Um so eine Gesellschaft zu haben brauchen wir grundsätzlich ein neues Gesellschaftssystem was unsere Mitmenschen als wertvoll und wichtig erachtet. Denn jeder wird gebraucht werden, jede Fähigkeit und jede Stärke – denn es geht ums überleben einer ganzen Gesellschaft.

      Wenn wir bald umsteuern sieht es nicht gut um uns aus. Bildung braucht einen viel höheren Stellenwert. Das allumfassend. Die für jeden in unserer Gesellschaft. Da brauchen wir aber noch einen langen Dialog.

  17. Lars-Michael Lehmann permalink

    Ich habe neulich mit einer legasthenen Führungskraft gesprochen. Dieser ist auch der Meinung, das man die besonderen Fähigkeiten legasthener Menschen dringend in unserer Wirtschaft braucht, denn viele von diesen Menschen haben gute Lösungsansätze die unsere Gesellschaft braucht.

    Habe hier noch einen interessanten Artikel vom Wirtschaftsmagazin Brand eins: http://www.brandeins.de/archiv/magazin/schwerpunkt-ideenwirtschaft/artikel/die-gestoerten.html

    Dieser inspirierte besonders, zum Thema Hochbegabung und Legasthenie. Auch wenn das Thema nur indirekt angesprochen wird.

    Nun bin ich auf eure Ideen und Gedanken gespannt
    Lars

  18. Das glaube ich auf Anhieb Lars. Den Link werde ich mir direkt ansehen, danke vielmals.
    Ich denke, dass Legasthenie mit Hochbegabung einher geht. Leider habe ich nicht DIE Mittel und Erfahrungen wie ihr, um dies für mich handfest zu machen. Genauso denke ich an Autismus beziehungsweise Formen davon oder jedwede Form der Verhaltensauffälligkeiten…
    Mir fällt im Kontakt mehr und mehr auf, dass sich meine groben Hypothesen bestätigen! Selbst nach anfänglicher Skepsis. Das ist es, was mich fasziniert.
    Ich möchte mich gern dahingehend spezialisieren…
    Auf meine Art und Weise, aber ich möchte es.
    Danke für euer Vertrauen.

  19. Hallo ihr beiden. Ich hatte viel zu tun die letzte Zeit, werde mich aber am Abend ran setzen und eine kleine Zusammenfassung schreiben.
    Bis später und herzliche Grüße

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